Zurück zu Teil I

Überfluss und Charisma

Emilia erwachte aus einem traumlosen Schlaf. Sie blinzelte mit schweren Lidern. Es war noch dunkel, was bedeutete, dass ihre Mutter sie überraschenderweise nicht würde wecken kommen müssen. Wenn das Bett nicht so schön kuschelig wäre… Die Strohmatratze fühlte sich so weich an.

Der Raum um Emilia gewann an Kontur, dann traf es sie wie ein Schlag. Sie war nicht zuhause. Dies hier war nicht ihr Zimmer, und das hier – Emilia kniff in die Matratze – war kein Stroh, sondern ein Federbett. Sie richtete sich auf, als im selben Moment die Tür aufflog.

Emilia stieß einen spitzen Schrei aus.

»Du bist also endlich wach«, sagte die Stimme einer Frau.

Durch die geöffnete Tür drang der Schein einer Öllampe. Emilia erkannte eine füllige Gestalt, die die Arme in die Hüften stemmte.

»Raus aus den Federn und folge mir.«

Emilia war zu verwirrt, um zu widersprechen. Barfuß und mit nichts weiter an ihrem Körper als ihrem Unterkleid tapste sie der Frau über den eiskalten Steinboden hinterher.

Es ging eine steinerne Wendeltreppe hinab in einen schmalen Flur, von dem gleich mehrere Türen abgingen. Die Frau ging zielstrebig auf die zweite von rechts zu, öffnete diese und wedelte Emilia ungeduldig hinein. Ihr war so kalt, dass sie auch jetzt nicht widersprach. Sie gelangten in einen Raum, der von mehreren Öllampen erleuchtet war. Ein opulenter Kamin spendete Wärme und im Zentrum stand ein überdimensionierter Holzzuber. Dampf stieg von diesem auf, der die Luft warm und gleichzeitig stickig machte.

»Nun zieh dich schon aus«, sagte die Frau in dem gleichen ungeduldigen Ton wie zuvor.

Emilia erschrak, wieso sollte sie sich ausziehen?

Ihr Unverständnis musste ihr im Gesicht geschrieben stehen, denn die Frau verdrehte die Augen und deutete auf den Zuber – wobei ihre Brüste bedrohlich schwangen. »Was für eine dumme Nuss hat der Graf da nur wieder angeschleppt. Du ziehst jetzt auf der Stelle diesen Lumpen aus und trollst dich in den Zuber!«

Emilia sah an sich herab. Sie fand sich gar nicht schmutzig. Aber diskutieren nützte bei der Frau wohl nichts, denn sie schlug den selben Ton wie ihre Mutter an, wenn diese fand, dass eine Grenze erreicht war. Zögernd griff Emilia ihr Kleid und zog es sich über den Kopf. Dann verschränkte sie verschämt die Arme vor ihren Brüsten.

Die Frau gackerte: »Du hast nichts, was ich nicht schon gesehen hätte, also stell dich nicht so an.«

Emilia überging den Kommentar und trippelte mit weiterhin vor den Brüsten verschränkten Armen zum Zuber. Sie hob ein Bein und steckte ihre Zehen vorsichtig ins Wasser.

Feuer, war ihr erster Gedanke. Ihr Fuß brannte.

»Na wirds bald, der Graf erwartet dich!«

Der Graf erwartete sie?! Ihr Wirbel aus Fragen und Ängsten war zurück. Sie schob ihr Bein ins Wasser, folgte mit dem Zweiten und ließ sich Stück für Stück in das Wasser sinken.

Die Oberfläche berührte ihre Scham, verschlang den Flaum, der darüber lag, stieg über ihren Bauch und versteckte zuletzt ihre Brüste.

Die Wärme, die sie augenblicklich umfing, hatte Emilia vielleicht zum letzten Mal im Mutterleib verspürt.

Die Gedanken, die eben so schnell gekommen waren, wurden genauso schnell wieder hinweg gespült. So musste sich der Himmel anfühlen. Emilia seufzte und schloss die Augen.

»Wasch dich, ich bringe dir frische Kleider«, hörte sie die Stimme der Frau wie aus weiter Entfernung. Dann fiel die Tür ins Schloss.

Emilia war für sich. Sie strich über ihre Arme, ihre Brüste, ihre Beine. Ihre Haut fühlte sich so viel weicher an. Überall prickelte es. Ihre Hände erkundeten ihren Körper, versuchten dieses wohlige Gefühl auf ihrer Haut zu fassen. Ihre Finger fanden ihren Schamhügel. Das Prickeln wurde zu einem Kribbeln, welches sich nach Innen verlagerte. Die Empfindung schreckte Emilia ab und zog sie gleichsam an. Konnte ein solches Gefühl Sünde sein?

Die Tür knackte und knarrte als sie sich öffnete. Ein trockener Lufthauch wehte in den Raum. Die Frau war zurück. »Raus aus dem Wasser, der Graf erwartet dich zum Abendmahl.«

»Abendmahl?«, fragte Emilia.

Die Frau ließ wieder ihr gackerndes Lachen erklingen. »Abendmahl, die restlichen Mahlzeiten hat das kleine Vögelchen ja verschlafen.«

Emilia stieg aus dem Wasser und fand sich sofort in ein Handtuch eingewickelt wieder. Kräftig und nicht gerade sanft rubbelte die Frau sie trocken.

»Das kann ich selbst!«, begehrte Emilia auf.

»Mag sein, der Herr lässt aber nicht gerne auf sich warten und er wird mich dafür verantwortlich machen, wenn du hier weiter trödelst«, Die Frau legte das Handtuch zur Seite und hielt Emilia ein purpurnes Kleid hin.

Als Emilia nach dem Stoff griff, rutschte er ihr fast durch die Finger. Ehrfurchtsvoll strich sie über das Kleid. Das musste Seide sein.

Sie zog es über den Kopf. Dann wurde ihr ohne Vorwarnung die Luft aus der Lunge gepresst, als sich die Frau unbarmherzig an der Schnürung zu schaffen machte. Emilia sah an sich herab und errötete. Das Kleid presste ihre Brüste hin zu einem tiefen Ausschnitt, der geradeso ihre Brustwarzen bedeckte.

»Ich… so kann ich doch nicht unter die Augen des Grafen treten«, stammelte Emilia.

»Du kannst und du wirst«, antwortete die Frau, während sie mit gekonnten Griffen ihre Haare flocht.

Emilias Angst fraß sich zurück in ihre Eingeweide. Sie hatte sich eingeredet, dass der Graf mit Sicherheit eine neue Magd brauchte. Doch spätestens jetzt zerbrach diese Illusion. Wer würde eine Küchenhilfe schon in Seide kleiden.

Emilia schlüpfte in ein paar fein gearbeitete Lederschuhe und folgte dem Fingerzeig der Frau zur Tür. Sie trottete ihr hinterher wie eine Kuh zur Schlachtbank. Nicht nur einmal dachte sie an Flucht – verwarf den Gedanken jedoch jedes Mal gleich wieder. Wohin sollte sie schon fliehen?

Es ging durch eine weitere Tür, die in ein säulenartiges Gewölbe führte. Fässer lagerten hier zu Dutzenden, von der Decke hingen Schinken und Räucherwürste, von denen ein würzig kärftiger Geruch ausging.

Eine Treppe führte von der Vorratskammer nach oben in einen weiteren Flur. Dieser war breiter und führte zu einer Doppelflügeltür.

Emilias Führerin trat an die Tür und klopfte zweimal gegen den sich kreuzenden Metallbeschlag. Prompt wurde diese von Innen geöffnet. Vor Emilia stand der Waffenknecht mit dem säuerlichen Mundgeruch. Er hatte den Mantel abgelegt und trug nun einen roten Waffenrock über seinem Kettenhemd. Er musterte Emilia mit einem lüsternen Blick, während er das Wort an ihre Begleiterin richtete: »Du kannst gehen Mathilda.«

Die Frau schien sehnsüchtig auf ihre Entlassung gewartet zu haben. Sie verschwand augenblicklich in der Dunkelheit des Flurs.

Emilia fröstelte es. Die Frau, die also Mathilda hieß, war ihr nicht gerade sympathisch gewesen… aber sie war eine Frau. Ohne sie fühlte Emilia sich noch schutzloser als zuvor.

»Du kannst ebenfalls gehen Cosmin«, befahl eine Stimme hinter den breiten Schultern des Bewaffneten.

Eine Mischung aus Überraschung und Bedauern mischten sich in dem narbigen Gesicht des Mannes. Doch er hatte sich schnell wieder im Griff. »Ja, Herr.«

Unangenehm nah ging der Waffenknecht an Emilia vorbei und folgte Mathilda.

Emilia trat vorsichtig in den Raum, nein besser, in den Saal, der dahinter lag. Säulen stützten eine hohe Decke, von der ein eiserner Kerzenleuchter über einer langgezogenen Tafel hing. Der Tisch wölbte sich unter einem Sammelsurium an Speisen, darunter vielen, die Emilia noch nie zuvor gesehen hatte, die aber gleichzeitig herrlicher dufteten als alles, was ihre Eltern jemals zubereitet hatten.

Am Kopfende der Tafel erhob sich Graf Muraru. Er wies zu dem Platz an seiner rechten.

Emilia folgte der unausgesprochenen Aufforderung – welche Wahl hätte sie auch gehabt? Und außerdem… Ihr Blick wurde wie magisch von dem Braten angezogen, der auf einem Bett aus Wurzelgemüse vor sich hin dampfte. Emilias Magen begann lauthals zu knurren. Sie ging vorbei an Wandteppichen, Schilden und Waffen. Manche wirkten wie Ziergegenstände, andere zeugten von vergangenen Kämpfen. Was Emilia aber am meiste beeindruckte und weswegen sie beinahe stehengeblieben wäre, waren die hohen Bleiglasfenster, durch die fahles Mondlicht fiel.

»Setz dich und iss etwas«, sagte der Graf in demselben Ton, mit dem er seinen Waffenknecht aus dem Saal befohlen hatte.

Emilia beschloss, dass sie an der jetzigen Situation sowieso nichts ändern konnte. Sie ließ ihre Zurückhaltung fahren und setzte sich neben den Grafen. Sollte dieser doch vorhaben, was er wollte. Zumindest würde sie zuvor besser gespeist haben, als selbst der Dorfvorsteher.

Sie griff sich was in Reichweite ihrer Arme lag: Frisch gebackenes, noch warmes Brot; ein viel zu großes Stück Braten; eine Pastete; Salzheringe… Emilia verschlang alles. Erst spät bemerkte sie, dass der Graf selbst kaum etwas aß und sie stattdessen beobachtete.

Emilia wurde rot, was zu einer lästigen Angewohnheit ihrerseits zu geraten schien. Sie ließ das Hühnerbein in ihren Händen sinken und blickte schüchtern zurück.

»Möchtest du etwas trinken?«, fragte der Graf. Der Befehlston war aus seiner Stimme verschwunden.

Emilia schöpfte ob seines sanfteren Tonfalls Mut. Statt die Frage des Grafen zu beantworten, versuchte sie es erneut mit ihrer eigenen, drängendsten Frage: »Warum habt ihr mich hierher gebracht?« Gerade noch rechtzeitig fügte sie ein »Herr« an.

Der Graf schob sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Da war wieder dieser durchdringende Blick. Emilia schlug die Augen nieder und ärgerte sich im selben Moment über sich selbst.

Der Graf griff eine Karaffe mit einer purpurnen Flüssigkeit und schenkte Emilia einen Schluck in einen vergoldeten Pokal. »Das ist Wein aus Konstantinopel, koste.«

Emilia kämpfte gegen ihre aufkeimende Ungeduld und griff nach den Pokal. Vorsichtig benetzte sie Lippen mit der Flüssigkeit, die aussah wie Schweineblut. Sie hatte noch nie in ihrem Leben Wein probiert und nach ihrem ersten Schluck konnte sie diesem auch nicht besonders viel abgewinnen. Aber sie würde sich hüten dies dem Grafen mitzuteilen.

»Ich hab dich hierher geholt, weil ich es kann«, sprach der Graf, Emilia musternd wie ein Wolf seine Beute.

Emilia wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Um Zeit zu gewinnen nahm sie einen weiteren Schluck von dem Wein. Dieser schmeckte besser als noch der erste. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrem Bauch aus.

»Betrachte es als Privileg, hier sein zu dürfen.«

Emilia nahm noch einen Schluck. Das Gefühl in ihrem Bauch verstärkte sich – sie wurde mutiger: »Und was ist, wenn ich gar nicht hier sein will… Herr?«

Der Graf stand auf, schritt zu einem der Fenster und blickte hinaus. Sein Gewand spannte sich über breite Schultern. Er war nicht wie die Prinzen aus den Geschichten, dennoch… Emilia musste sich eingestehen, dass sie ihn attraktiv fand. Attraktiv – aber gefährlich. Nur in den Märchen wurde das Bauernmädchen zur Prinzessin. In der Wirklichkeit landeten sie im Dreck.

»Du kannst jederzeit gehen«, sagte der Graf ohne sich umzudrehen.

Damit hatte Emilia nicht gerechnet. »Ich kann also – «

»Bedenke aber, wenn du dich entscheidest zu gehen, dann wirst du mir das Silber zurück bringen, welches ich deinem Vater gab. Münze für Münze.«

Das kurzzeitige Gefühl der Erleichterung verflog so schnell wie es gekommen war. Ihre Eltern hatte das Geld bitter nötig und wahrscheinlich längst einen Teil genutzt. Sie würde es dem Grafen unmöglich zurück geben können.

Graf Muraru kehrte zurück zur Tafel und schenkte Emilia nach. »Das Kleid gehörte meinem Weib, doch dir schmeichelt es ebenso wie ihr. Betrachte es als Geschenk.«

»Wo ist euer Weib, Herr?«

Der Graf blickte Emilia forschend ins Gesicht. Sie trank hastig einen Schluck Wein. Unwillkürlich überkam sie das Gefühl, etwas falsches gefragt zu haben.

Doch auf dem Gesicht des Grafen zeigte sich zum ersten Mal der Ansatz eines Lächelns. Er goss sich selbst einen Schluck Wein in seinen Pokal. »Es war ihr Wunsch für einen Mondzyklus in ein Kloster zu gehen, um für die Empfängnis eines Kindes zu beten. Ein blockierter Pass zwang uns auf dem Rückweg zu einem Umweg. So fanden wir zu eurem Gasthof.«

Die Worte des Grafen ließen in Emilias Kopf mehr Fragen entstehen, als diese beantworteten. Sollte sie etwa die Ersatzfrau spielen, solange sein Weib im Kloster weilte?

Als ihr Blick bei diesem Gedanken den Grafen streifte, spürte Emilia ein Flattern in ihrem Bauch. Gleichzeitig schreckte sie vor dem zurück, was dies bedeuten mochte… Sünde… Emilia dachte an Dariella, die Tochter des Hufschmieds aus dem Dorf. Sie hatte sich mit dem Müller eingelassen und war schwanger geworden… Man hatte sie davon gejagt wie einen Straßenköter.

Plötzlich stand der Graf neben Emilia. Sie spürte seine Hand unter ihrem Kinn. Ein leichter Druck zwang sie, aufzustehen und ihm in die Augen zu schauen. Das Flattern in ihrem Bauch wurde stärker. Die Finger des Grafen strichen langsam an ihrem Kinn entlang zu ihrem Hals und über ihre Kehle. Emilia fühlte sich ihm vollkommen ausgeliefert. Sein Blick traf den ihren. Emilia wollte zurück weichen, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht. Sie fühlte sich wie ein Rehkitz im Auge des Jägers. Es war nur noch sein Zeigefinger, der sie berührte und der langsam tiefer wanderte. Er verharrte für einen Moment an ihren Schlüsselbein, dann wanderte er tiefer. Emilias Atem ging schneller. Immer noch unfähig sich zu bewegen oder etwas zu sagen, spürte sie den Finger, wie dieser über den Ansatz ihrer Brüste strich. Das Flattern in ihrem Bauch wurde zu einem Kribbeln, welches in ihren Unterleib wanderte. Der Finger wanderte zwischen ihre Brüste und strich an die Stelle, wo der Ausschnitt des Kleides zusammenlief. Emilias Brustwarzen drückten sich gegen den Stoff des Kleides.

Dann löste sich der Finger des Grafen von ihrer Haut. Der Graf wandte sich ab und ging zurück zu seinem Platz. Mit einem Zug leerte er seinen Pokal. »Es ist spät, du gehst besser in deine Kammer. Ich erwarte von dir, dass du ab morgen Mathilda zur Hand gehst. Ich werde nicht in der Burg weilen.«

Emilias Unterleib kribbelte noch immer. In ihr fochten Erleichterung und Enttäuschung einen erbitterten Kampf.

»Ja Herr«, brachte sie heraus.

To be continued

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