Das Licht war grell und schien von allen Seiten zu gleich zukommen, sodass kein Platz für einen noch so winzigen Schatten gewesen wäre. Ich kniff die Augen zusammen und blickte zu Boden. Es half nichts. Das Licht blendete noch schlimmer. Es schien von der weißen Leinwand gespiegelt zu werden, die vor mir ausgebreitet lag.

Ursprünglich war es meine Idee gewesen, meine Fantasie. Doch jetzt wo ich hier stand, war ich mir nicht mehr sicher.

Ich hörte seine Schritte. Sie hallten in dem menschenleeren Atelier. Hallten von nackten Betonwänden wider. Ich folgte ihm mit meinem Blick, die Balustrade entlang, die stählerne Wendeltreppe hinab.

Er trug zwei Eimer, die er wortlos auf den Boden stellte. Auf der anderen Seite der Leinwand.

Die Eimer machten ein dumpfes Geräusch, als sie auf den Boden trafen. Ein lautes, dumpfes Geräusch.

Als wir uns ansahen, war ich mir noch weniger sicher, dass das wirklich meine Idee gewesen war. Warum wirkte er so selbstsicher? Warum schien sein Blick zu provozieren? Als wollte er sagen: Na? traust du dich?

Ich dachte an heute Morgen. An den witzig charmanten Typen, der mir meine intimste Fantasie so leicht entlockt hatte, wie ein Dieb den Lolli aus den Händen eines Kindes… Hatte er sie mir gestohlen? Oder hatte er sie nur geborgt, um sie mit mir zu teilen?

>>Wenn du nur noch ein Projekt beginnen dürftest, welches wäre es?<<

Die Frage war simpel gewesen, doch nicht beiläufig gestellt. Plötzlich waren wir über den Smalltalk hinaus gewesen. Plötzlich gehörte mir seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Plötzlich schien er nicht mehr meine Werke, sondern mich selbst sehen zu wollen. Vielleicht war das der Grund gewesen: Auf der x-ten Ausstellung, war er der erste, der mir diese Frage stellte. Er war überhaupt der erste…

Aber vielleicht lag es auch nur daran, dass ich ihn attraktiv fand. Seine Selbstsicherheit, die er mit jeder Bewegung und jedem seiner Worte ausstrahlte. Das Lächeln, welches er mir immer und immer wieder schenkte und das bis zu seinen Augen reichte. Seine offene Körperhaltung, die flüchtige Berührung an meiner Schulter. Das Kribbeln, welches ich längst spürte…

Jetzt lächelte er wieder wie heute Morgen. Kleine Falten zogen sich um seine Augen, die die Farbe von angelaufener Bronze hatten und mich in einen magischen Bann zogen.

Wortlos, ohne den Augenkontakt abzubrechen, begann er sich auszuziehen. Ohne zu stocken. Ohne ein Anzeichen der Scham, selbst in dem Moment, da er aus seinen Pants stieg.

Er bückte sich, nahm die beiden Eimer und trat in die Mitte der Leinwand. Ein nackter Mann, drahtig muskulös. Mein Blick glitt tiefer und zuckte doch wieder nach oben, so als wäre ich bei etwas Unanständigem erwischt worden.

>>Du bist dran<<, sagte Daniel noch immer lächelnd.

Ich war dran… Dran, mich auszuziehen – wollte ich erleben, was sich immer wieder in meine Gedanken stahl und von dort ein Pochen tief in mein Innerstes sandte. Nur, dass der Film in meinem Kopf eng umschlungen auf der Leinwand begann – nicht an dessen Rand. Nicht voller Zweifel. Nicht als Beobachterin. In meiner Fantasie war ich. War ich ganz im Moment. War ich ein Spektrum an Gefühlen. Ein Gefäß, welches vor Leidenschaft überschäumte.

Ich konzentrierte mich auf das Bild aus meinen Träumen – und tat es. Ich zog mich aus, bis ich genauso nackt wie Daniel war. Dann trat ich zu ihm und merkte, dass ich zitterte. Nicht vor Kälte, sondern vor Erregung, von der ich nicht wusste, ob sie ein gutes oder schlechtes Gefühl war.

>>Rot oder blau?<<

>>Blau<<, erwiderte ich, ohne mir sicher zu sein.

Gabriel nahm einen der Eimer und hob ihn über seinen Kopf. Ein Schwall feuerroter Farbe ergoss sich wie ein dickflüssiger Wasserfall über seinen Kopf und rann seinen Körper herab. Daniel schien vor meinen Augen zu verschwinden. Zumindest das, was ihn nach außen hin ausmachte. Seine weder kantigen noch weichen Züge, sein in der Mitte gescheiteltes Haar, sein blasser Hautton. Das alles ertrank in einem Meer aus leuchtendem Rot.

Leidenschaftliches Farbspiel – Kunst trifft Erotik

Tropfend reichte er mir den anderen Eimer. Ein Loch riss auf in der rinnenden Farbe, als sich seine Lippen öffneten. >>Du bist dran.<<

Noch etwas zögerlich hob ich ihn über meinen Kopf. Ich schloss die Augen und ließ die Farbe über mich rinnen. Erschauderte von ihrer kalten Berührung. Von dem zähen Fließen, der sirupartigen Bewegung, die mich umschloss wie eine zweite Haut.

Ich blinzelte, sah das azurblau in unendlichen Tiefen an mir hinabgleiten. Sah dabei zu, wie es sich auf der Leinwand ausbreitete und sich mit dem Rot von Daniel verband. Und plötzlich, musste ich grinsen.

Mein Blick wanderte an ihm herauf und ich bemerkte, dass er erregt war. Dass rote Farbe von der Spitze seines halbsteifen Gliedes tropfte, mitten hinein in den blauen See, der mich umgab.

Hätte ich das merkwürdig finden sollen? Wir hatten uns vorher nicht einmal geküsst… Meine Bedenken verschwammen mit dem Fluss der Farbe. Daniel nahm mir den Eimer aus der Hand und goss einen weiteren Schwall Blau über meinen Kopf.

Wieder schloss ich die Augen. Dann spürte ich seine Hände, die über meine Schultern glitten und die Farbe mit fließenden Bewegungen verteilten. Bis zu meinen Fingerspitzen, wieder hinauf zu meinen Schultern, über meine Schlüsselbeine, zum Ansatz meiner Brüste, über meine Nippel… Zwischen meinen Beinen breitete sich Hitze aus. Hitze, die stärker wurden, desto weiter sich seine Hände ihr näherten.

Daniel hätte es tun dürfen, ohne sich weiter vorzutasten – weil der Moment sich richtig anfühlte. Weil seine Hände wohlige Schauer auslösten.

Doch er tat es nicht. Auf der Höhe meiner Leisten löste er seine Finger und statt mein Intimstes zu erkunden, zog er mich an sich, umschlang mich, schuf er die Verbindung die vorher gefehlt hatte. Ein unsichtbares Band, welches mich hielt und dem Moment sein Gewicht nahm. Welches mich schwerelos werden ließ. Weich. Entspannt und empfindsam für seine Präsenz. Für seine Erregung, die sich gegen meinen Bauch drückte und dort aus Blau Purpur werden ließ.

Er zog meinen Kopf in den Nacken und presste seine rotverfärbten Lippen auf die meinen, nährte das in mir wachsende Feuer. Das hier – war meine Fantasie.

Ich ließ mich sinken und zog Daniel mit mir in den See aus Farbe. Sein Körper drängte auf mich, drängte zwischen meine Beine, mit denen ich ihn umschlang, ihn umklammerte. Während ich zu dem vor Lust schäumenden Gefäß meiner Träume wurde.

>>Tu es<<, forderte ich atemlos und Daniel begrub mich unter sich.

Seine Zunge drang in meinen Mund, während sein Schwanz heiß und pochend und schmierig vor Farbe durch meine Pussy rutschte.

>>Tu es!<<, forderte ich erneut, ehe seine Zunge mich erstickte.

Er drang in mich, nahm mich, füllte mich aus. Feuer und Eis. Prickeln und Brennen in meinem Unterleib. Wellen der Lust breiteten sich aus, als er mich stieß. Als unsere Körper mehr und mehr Purpur schufen. Als Farbe von unseren vibrierenden Körpern spritzte.

Ich rollte mich über Daniel und griff mir die Eimer, kippte, die restliche Farbe über uns, während ich ihn zu reiten begann. Purpur, Rot und Blau spritzten bis zu den Rändern der Leinwand und darüber hinaus, als ich mein Becken wild und ungezügelt bewegte. Als ich mich mit seinem Schwanz schneller und schneller pfählte. Bis sich mein Unterleib rhythmisch zusammenzog. Bis ich explodierte und aus meinem Stöhnen ein gutturaler Schrei wurde, der von den Wänden des leeren Ateliers widerhallte.

Schwer atmend, hörte ich das Echo meines Schreis verklingen. Dann erhob ich mich von Daniel und zog ihn mit mir hoch, um gemeinsam das Kunstwerk zu bestaunen, welches wir mit unserem Akt geschaffen hatten.

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