Emilia stellte den Holzzuber mit tauben Fingern in den Schnee. Sie streckte sich und stieß einen erleichterten Seufzer aus, der sich sofort eine weiße Wolke verwandelte. Der Wind griff sie auf und trieb sie vor den Häuptern der Karpaten auseinander. Für einen Moment verlor sich Emilias Blick dort, wo sich die schneebedeckten Gipfel der Berge im verschleierten Himmel verloren. Was wohl dahinter liegen mochte? Einmal hatte sie ihren Vater gefragt, doch dieser hatte nur verärgert mit der Hand gewedelt, so als wollte er eine lästige Fliege vertreiben: »Wir haben genug Sorgen damit, durch den Winter zu kommen, wen kümmerts da, was hinter den Bergen vor sich geht?«

Emilia seufzte ein zweites Mal, doch dieses Mal nicht vor Erleichterung. Sie hatte viel zu lange gebraucht. Ihr blühte Ärger. Sie blies in ihre Finger und und hob den Zuber hoch. Dann stapfte sie den Hügel hinab zu der Wegkreuzung an der ihr Großvater den kleinen Gasthof errichtet hatte.

Erst an der Kreuzung selbst bemerkte sie frische Hufspuren, die zu dem Gehöft führten. Emilia bekam ein mulmiges Gefühl. Reisende bedeuteten entweder klingende Münzen oder Ärger – und zu dieser Jahreszeit war letzteres wahrscheinlicher.

Sie folgte den Hufspuren, bis diese zum windschiefen Stall abbogen. Sie umkurvte den Matsch vor der schweren Eichentür des Schankraumes und warf sich dann mit aller Kraft dagegen. Das verzogene Holz ächzte, gab nach und schwang in den Innenraum. Emilia hatte ein wenig übertrieben. Sie stolperte hinterher und wäre mit dem Zuber voll Quellwasser beinahe der Länge nach auf dem Binsen bestreuten Lehmboden gelandet. Sie fing sich gerade so und blinzelte ins Dämmerlicht. Die Fensterläden waren verrammelt und das kleine Feuer im Kamin bildete die einzige Lichtquelle.

»Tür zu!«, bellte die Stimme ihres Vaters.

Noch ehe Emilia reagieren konnte, erwiderte eine fremde Stimme: »Nicht doch, nicht doch guter Mann. In dem Licht sieht sie aus wie ein Engel. Eine Schande sie in der Dunkelheit zu verstecken.«

Es folgte Gelächter von mindestens zwei weiteren Männern.

Emilia errötete und beeilte sich, die Tür zuzuziehen. Ihre Augen gewöhnten sich derweil an das schummrige Licht. Aus der Dunkelheit schälten sich vier wuchtige Gestalten am Tisch, der dem Kamin am nächsten stand. Sie saßen tief über hölzerne Krüge gebeugt. Ihre Gesichter lagen im Schatten, während sich der flackernde Schein des Feuers auf Metall spiegelte.

Emilias Nackenhaare stellten sich auf: Bewaffnete. Die bedeuteten nie Gutes und schon gar kein Geld.

»Bring das Wasser in die Küche und dann hilf deiner Mutter«, zischte ihr Vater vom Tresen aus und Emilia beeilte sich der Aufforderung nachzukommen.

Sie spürte die Blicke der Männer im Rücken und war froh, als der Holzriegel der Küchentür hinter ihr zu viel. Dabei war Emilia keinesfalls ängstlich. Nein, eigentlich war sie mutig. Mutiger als so mancher Junge aus dem Dorf, die sich im Gegensatz zu ihr nur bei Tageslicht in die Tiefen der Wälder wagten. Doch deswegen war sie noch lange nicht dumm. Sie spürte die Spannung. Sie bemerkte die besorgten Blicke, die ihre Eltern immer wieder austauschten. Und sie wusste, dass sie der Grund dafür war. Hier ging es nicht darum, dass die Bewaffneten die Zeche prellten, ihre Eltern fürchteten um sie. Und das machte ihr Angst. Daher tat sie zum ersten Mal genau das , was man von ihr verlangte: Sie blieb in der Küche, angespannt wie ein Schäfer, der das Heulen von Wölfen vernahm.

Die Bewaffneten schienen es nicht eilig zu haben. Emilias Vater trug eine neuerliche Runde Bier in den Schankraum, lange nachdem ihre Mutter den Hühnereintopf aufgetischt hatte.

Dann endlich klirrten Kettenhemden gefolgt vom Kratzen und Poltern gleich mehrerer Stühle. Emilia atmete auf. Gespannt wartete sie auf das Geräusch der zuschlagenden Tür – doch sie wartete vergebens.

Kurzentschlossen schlich sie zur Küchentür. Gedämpfte Stimmen drangen durch das Holz. Emilia legte eine Hand auf den Riegel und drückte ihn vorsichtig hoch. Sie schlinzte durch den Türspalt. Ihre Eltern standen inmitten des Raumes. Die Bewaffneten waren gegangen – bis auf einen. Emilia sah eine wilde Mähne schwarzer Haare, die auf einem schweren, purpurnen Umhang ruhten. Eine Hand war unter dem Umhang verborgen, die andere ruhte auf einem prunkvollem Schwertgriff.

»Bitte, Herr«, flehte ihr Vater.

Emilia schluckte. Sie hatte ihren Vater noch niemals zuvor flehen gehört.

Etwas dunkles flog durch die Luft und landete klimpernd vor den Füßen ihrer Eltern.

»Das ist Silber, genug für ein paar fette Schweine und um im nächsten Jahr eine Magd zu beschäftigen. Ich erwarte sie draußen, sobald meine Männer die Pferde gesattelt haben«, befahl eine so melodische wie kalte Stimme.

*

Emilia saß vor einem der Waffenknechte im Sattel. Sein Atem stank säuerlich und die einzelnen Kettenglieder seiner Rüstung bohrten sich unangenehm in ihren Rücken. Eine stumme Träne ran ihre Wange herunter und gefror.

Ihre Mutter hatte geweint, laut geweint. »Bitte Emilia, verzeih uns. Wir haben keine Wahl«, hatte sie gefleht.

Ihr Vater dagegen hatte nur zu Boden gestarrt, unfähig seiner Tochter in die Augen zu schauen, als dieser grobe Kerl sie gepackt und wie eine Puppe in den Sattel gehoben hatte.

Emilia starte auf den Rücken des Mannes, der sie ihren Eltern entrissen hatte und Wut stieg in ihr auf.

Er hatte bisher kein Wort mit ihr geredet. Sie wusste nicht, werer war, wohin er sie brachte, nicht einmal, warum er sie überhaupt mitgenommen hatte!

Emilia ließ jegliche Vorsicht fahren: Wohin bringt ihr mich?

Keine Reaktion. Lediglich eines der Pferde schnaubte, als würde es sich über Emilia lustig machen.

»Was wollt ihr von mir?!«, schrie sie den Rücken vor sich an.

Der Anführer hob eine müde Hand, woraufhin sie einen unsanften Klaps auf ihren Hinterkopf bekam.

»Sei still«, sagte der Mann hinter ihr, eine säuerliche Wolke ausstoßend.

Dies machte Emilia noch rasender.

»Schön«, fauchte sie und sprang aus dem Sattel. Sie landete unsanft in einer durch den Schnee verdeckten Senke und knickte um. Ein scharfer Schmerz fuhr in ihren Knöchel. Emilia verlor das Gleichgewicht und stolperte die Wegesböschung hinab in ein dichtes Dornengebüsch.

Schallendes Gelächter erklang, während sich Emilia aufrappelte und versuchte ihren Umhang zu befreien.

Als sie aufblickte, sah sie den Anführer über sich. Er hatte sein Pferd gewendet und blickte sie aus Augen an, die so dunkel wie die Nacht erschienen.

Emilia hielt den Atem an. Sie sah keinen Ausdruck des Ärgers in seinen aristokratischen Zügen, kein verräterisches Pochen an seinen Schläfen, so wie bei ihrem Vater, wenn dieser kurz vor einer Explosion stand. Da war nur sein Blick, der sich durch ihre Augen bis zu ihrem Innersten bohrte. Emilia spürte ein Kribbeln im Nacken, das nicht von der Kälte herrührte. Sie senkte den Kopf und kletterte zurück auf den Weg.

»Ich bin Graf Lucian Muraru und du wirst mich mit Herr anreden«, der Anführer schnalzte mit der Zunge, woraufhin sein Pferd herum tänzelte. »Und du wirst mein Gast sein.«

Emilia wurde zurück in den Sattel gehoben, dieses Mal deutlich ruppiger als am Hof ihrer Eltern. Graf Muraru, hallte es in ihrem Kopf nach. Der Herr dieser Lande. Emilia schluckte. Was wollte er von ihr? Warum Sie? Doch ihre Fragen laut auszusprechen traute sie sich nicht mehr.

Bei Einbruch der Dämmerung schlugen die Männer ein Lager auf. Sie wechselten sich beim Wache halten ab, während Emilia vergeblich versuchte ein wenig Ruhe zu finden. Ihre Gedanken waren bestimmt von Angst und Selbstmitleid, vor allem aber von der Kälte, die sich in ihren Rücken fraß. Sie rutschte näher ans Feuer, was aber nur zur Folge hatte, dass sich dessen Hitze durch ihre Lieder zu ihren Augen brannte.

Am nächsten Tag ritten sie weiter der niedrig stehenden Wintersonne entgegen, bis der Pfad nach einer scharfen Biegung in einem Wald verschwand. Junge Bäume standen hier dicht an dicht. Ihre Äste und Zweige griffen ineinander, umarmten sich und rangen um das Licht. Gewiss würde ihr Blätterdach im Sommer den Blick zum Himmel verwehren, doch jetzt im Winter konnte man ihn sehen. Ihn und die steinernen Bergmassive, denen sie jetzt näher und näher kamen.

Wieder brach die Dunkelheit herein und mit jedem weiteren Schritt des Pferdes schmerzte Emilias Hintern mehr. Sie schielte zu ihrem Reiter. Ihm musste es doch genauso ergehen, vor allem mit dem zusätzlichen Gewicht des Kettenhemdes. Wann würden sie endlich rasten? Doch weder der Fürst noch einer seiner Männer zeigte Ermüdungserscheinungen, noch machten sie Anstalten, eine Rast einzulegen.

Der Ruf einer Eule durchbrach die Stille. Zweige knackten, Schwingen raschelten und ein glitzernder Schleier viel von dem Ast, auf dem das Tier zuletzt gesessen hatte. Emilia blickte ihr nach, wie sie in die Dunkelheit entschwand. Sie wünschte, sie könnte ebenso einfach davon fliegen.

Der Pfad stieg an. Felswände wuchsen aus dem Boden und schoben sich enger und enger zusammen, bis der Pfad in dunklen Schatten lag. Beinahe wäre Emilia eingenickt, als sich die Hänge unvermittelt zurück zogen und den Blick auf einen weitläufigen Talkessel freilegten. Ihr Blick blieb am anderen Ende hängen, wo vom silbernen Mondschein beschienen, eine Burg thronte. Beim Anblick der Zinnenbewehrten Mauern und Türmen war sie mit einem Mal wieder vollkommen wach. Bis zu diesem Tag hatte ihre Welt aus dem Gasthof und dem kleinen Dorf nicht weit davon bestanden. Lehmhäuser, Holzhütten, eine kleine Kirche aus Bruchstein. Die Burg dagegen schien einem Märchen entwachsen zu sein. Sie stammte aus einer Welt, die sie nur aus Geschichten kannte.

Emilia musste bald schon ihren Kopf in den Nacken legen, um das in die Höhe wachsende Gemäuer im Blick zubehalten. Ihre Angst hatte sie bei diesem Anblick vergessen.

Das letzte Stück des Anstiegs zum Tor war steinig und steil. Einer der Männer holte ein Horn unter seinem Umhang hervor und ließ einen langgezogenen Ton erklingen. Der Nachhall wurde von einem identischen Hornstoß überlagert, der von einem der Türme herrührte. Fackeln entzündeten sich wie von Geisterhand und tauchten das Torhaus in orangenen Feuerschein. Die Zugbrücke senkte sich.

»Willkommen auf Burg Rupea«, sagte der Graf und trieb sein Pferd über die dicken Holzbohlen…

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